Beitrag ohne Titel (wie ein Roman ohne U)

Ich weiß leider wirklich nicht mehr, was mich dazu bewogen hat, dieses Buch zu lesen. Roman ohne U von Judith W. Taschler, erzählt eigentlich die Geschichte einer Frau, die zu früh und ungewollt schwanger wurde, dann aber doch mit dem Mann zusammen bleibt. Bis die sich nach vier Kindern die Frage stellt, ob es das schon gewesen sein soll. Parallel dazu entdeckt sie, die nebenbei als Biografin arbeitet, die Lebensgeschichte eines Mannes, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg aufgrund eines dummer Jungen Streichs für zwei Jahrzehnte in russischen Strafgefangenenlagern landete. Und natürlich hängt am Ende alles irgendwie zusammen.

Überzeugt hat mich das Buch nicht. Die Charaktere bleiben sehr flach, teilweise richtig klischeehaft, und heterosexuelle Familiengeschichten sind ja eigentlich eh nicht mein Ding. Es war einfach, aber nicht wirklich schön zu lesen: so manche Geschichte aus den sibirischen Arbeitslagern im Uranabbau waren plastisch genug, um mir den ruhigen Schlaf zu rauben.

Für mich zugleich der einzige Punkt von Interesse. Auch in meiner Familie gab es den Opa, der nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft war. Wir haben nie darüber geredet, auch nie nachgefragt. Irgendwo stand dahinter wohl auch der Gedanke, als Soldat des Nazi-Kriegs werde er es vielleicht verdient haben. (Ein Gedanke, für den ich mich im Nachhinein schäme. Fair – und mutiger – wäre gewesen, ihn zu fragen).

Aber wenn ich jetzt durch die Lektüre dieses Buches auch nur den Hauch einer Ahnung bekommen habe, was das Leben im russischen Gulag bedeutet hat, und zwar für jeden, egal, aus welchem Grund er oder sie dort hin geraten ist, wird mir einmal mehr bewusst, was für ein wahnsinniges Glück ich doch habe, so fern von Krieg und massiver, unentrinnbarer Gewalt leben zu dürfen. Und auf der anderen Seite: wie viel Grausamkeit es gibt auf der Welt. Gab und immer noch gibt.

Wo kommen nur überall auf der Welt immer wieder so viele – hauptsächlich Männer – her, die es braucht, um derartige Systeme von Grausamkeit und Erniedrigung und Tod aufrechtzuerhalten? 230.000 Menschen verrichteten über das Land verteilt zeitgleich den Dienst als Wachpersonal. Waren also – über den Grad der Freiwilligkeit müssten wir vielleicht noch streiten – Teil dieses brutalen Repressions- und Produktionsapparates.

Weil ich tatsächlich wenig über das System der Arbeit und Straflager in Russland wusste, habe ich etwas nachgelesen. Es gab sie schon lange, auch vor der Oktoberrevolution, und vor dem Zweiten Weltkrieg. Doch allein in den Jahren danach waren bis in die 1950er Jahre hinein Millionen Menschen in diesen Arbeitslagern gefangen: Kriegsgefangene, politisch missliebige Personen und deren Angehörige, Schwerstkriminelle und wohl auch einige wegen kleinerer Vergehen oder zu Unrecht Verurteilte. Nach dem Tod Stalins ging es bis zum Ende der Sowjetunion in abgemilderter Form weiter. Insgesamt waren (laut Wikipedia) zwischen 28 und 32 Millionen Menschen von Verbannung und Inhaftierung in russischen Gulags betroffen.

Neben der Entfernung dieser Menschen aus den Augen der Gesellschaft hatten die Gulags immer auch wirtschaftliche Bedeutung: Durch die in ihnen – unter entwürdigenden und lebensfeindlichen Bedingungen – verrichtete Zwangsarbeit wurden in entlegenen Gebieten Bodenschätze und neue Siedlungsgebiete erschlossen, infrastrukturelle Großprojekte realisiert, wie Staudämme, Kraftwerke, und Eisenbahnstrecken. Der gesamte Uranabbau der Sowjetunion wurde, wie in dem Roman ohne U sehr plastisch geschildert, durch Gulag-Häftlinge erbracht, Grundlage für Atomkraftwerke und atomare Aufrüstung.

Ich würde an dieser Stelle gerne mal über das Thema Repression debattieren. Welche Strafen sind gerechtfertigt? Wollen oder müssen wir überhaupt strafen? Wer oder was gibt uns das Recht dazu? Und, falls ja, welche Art von Strafen halten wir für menschlich vertretbar? Ändert sich diese Einschätzung mit der Art der zu bestrafenden Tat?

Dürfen wir unmenschlich werden, wenn wir finden, dass andere es zuerst waren? Ich glaube nein. Du hast angefangen war noch nie ein gutes Argument dafür, jemand anderem Schlimmes anzutun.

Oder was denkt ihr?

Frauen – Bücher – Highlights 2018

Kerstin Herbert hat in ihrem Blog zu einer interessanten Blogparade aufgerufen, an der ich mich gerne beteilige. Mit „diesem Jahr“ ist darin das Jahr 2018 gemeint 😉

  • Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

Ich hatte 2018 einen Vorsatz, nämlich, ausschließlich Bücher von Frauen zu lesen. Frauen brauchen einfach mehr Leser*innen! Zwei oder drei Mal habe ich heimlich eine Ausnahme gemacht, aber „rezensiert“ (naja, eher in meinem Blog etwas darüber mitgeteilt) habe ich tatsächlich 100% Literatur weiblicher Urheber*innenschaft. Ich habe dafür mehr recherchieren müssen, aber wurde oft mit so tollen Entdeckungen belohnt, dass ich das weiter so halten werde. Auch 2019 werden hier ausschließlich Frauen promotet.

  • Welches Buch einer Autorin ist Dein diesjähriges Lesehighlight? (Warum?)

Wenn ich schummeln darf, fällt mir als erstes „Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann ein. Das hab ich allerdings schon in den letzten Tagen von 2017 gelesen – und zwar in einer ziemlich durchwachten Nacht im Krankenhaus, frisch operiert, mit ständig seufzenden und stöhnenden Mitpatientinnen im Zimmer. „Die Kieferninseln“ haben mich gerettet, und ich musste trotz all dem immer mal wieder lachen – ein echtes Highlight!

Wenn ich nicht schummeln darf, wird es sehr schwer, denn ich hab 2018 einige Bücher sehr genossen, jeweils zu ihrer Zeit. Ich liebe ja Blicke über den Tellerrand, und als solches fand ich Noemie Schneider „Das wissen wir schon“ ziemlich klasse. Der Tellerrand in diesem Fall: meine eigene Generation. Erhellend, die mal aus einer anderen Perspektive anschauen zu können!

In der Kategorie „Skurril und hintergründig“ fand ich unter allem, was ich 2018 gelesen habe, eindeutig Gianna Molinari am besten.

Sachbuch: Cindy Engel „Wild Health – Gesundheit aus der Wildnis“, ein sehr gut geschriebenes Buch über die Beobachtung von Selbstmediktion bei Tieren, dem ich allerdings bislang noch keinen Blogbeitrag gewidmet habe.

Und meinen persönlichen Krimipreis vergebe ich zu gleichen Teilen an Zoe Beck „Die Lieferantin“ und an Katherine V. Forrest „Wüstenfeuer“.

  • Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich in diesem Jahr besonders beeindruckt (und warum?)

Hier möchte ich zwei Bücher nennen: Jacqueline Woodsons „Ein anderes Brooklyn“ und Deborah Ellis‘ „Wenn der Mond am Himmel steht, denk ich an dich“. Eigentlich beides eher Coming-of-Age-Geschichten, aber mal ehrlich: ist das nicht der Grundbaustein und das Interessanteste an jeder Biographie?

Jacqueline Woodson erzählt, wie es war, in den 1970er Jahren als Schwarze Frau in Brooklyn groß zu werden – inmitten von Drogen, Armut, Rassismus, Sexismus und Gewalt. Wer verstehen will, wozu in so einer Welt eine möglichst große Bandbreite starker weiblicher Role Models und Identifikationsfiguren gut ist, bekommt mit der Lektüre von „Ein anders Brooklyn“ eine gute Vorstellung.

Deborah Ellis arbeitet in Toronto als Psychotherapeutin und engagiert sich unter anderem für geflüchtete Frauen. In „Wenn der Mond am Himmel steht, denk ich an dich“ erzählt sie die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte einer jungen Iranerin, die sich in eine Mitschülerin verliebt. Es ist zugleich Liebesgeschichte, Dokumentation gesellschaftlicher Verhältnisse im Iran und Pamphlet gegen die Verfolgung und Unterdrückung von Homosexualität. Einen besonderen Eindruck hat dieses Buch in mir hinterlassen, weil die Protagonistin uns einen nicht christlich und weiß, sondern islamisch geprägten Blick auf das Leben im heutigen Iran und seine Schattenseiten ermöglicht.

  • Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2019 unbedingt lesen?

Mein eigenes 😉

Frauenbewegt und von Männern umringt

Schade. Ich hatte mir mehr versprochen von Mary Shelley, dem jetzt in deutsche Kinos gekommenem Biopic über die Autorin von Frankenstein oder der moderne Prometheus (Hier gehts zum Trailer).

Ich hasse eigentlich Kostümfilme, insbesondere solche, die im prä-/viktorianischen 19. Jahrhundert spielen. Aber vielleicht, so dachte ich, könnte ich diese langweilig standardisierte Ästhetik verkraften, wenn’s um einen feministisch motivierten Plot geht. Schließlich war Mary Godwin Wollstonecraft, spätere Shelley, als Tochter von Mary Wollstonecraft und dem anarchistischen Schriftsteller William Godwin ein Kind von Feminismus und Freigeist, und die Regisseurin, Haifaa Al Mansour, versprach eine auf die Gleichberechtigung von Frauen fokussierte Erzählung des Stoffs, denn davon handelte bereits der erste Film der Saudi-arabischen Regisseurin

Dieses Versprechen wird im Film auch eingelöst und wir erleben mit der Protagonistin, wie eng das Korsett gesellschaftlicher Vorurteile gegenüber Frauen geschnürt ist, in einer Welt, auf deren Bühnen nur Männer sich bewegen. Das musste Mary Shelley erleben, der man die Autorinnenschaft an Frankenstein lang nicht zutraute.

Aber der Ruf nach Gleichberechtigung allein ist nicht genug. Zum einen, weil der männerzentrierte Blick davon nicht berührt wird – Allison Bechdel lässt grüßen und wir müssen wieder einmal zusehen, wie auch noch so eigenwillige Frauenfiguren letztlich von der Anerkennung durch Männer abhängen. Zum anderen, weil durch die Historisierung des Themas immer noch geltende, höchstens ein wenig subtilere Benachteiligungen im Literaturbetrieb verschleiert werden. Auch wo wir offiziell gleichberechtigt sind, haben wir lange noch nicht dieselben Chancen und Bedingungen.

Gegengift: Virginie Despentes‘ King Kong Theorie. Wütender, aktueller, punkiger Essay, der von aktuellen Erfahrungen als Opfer sexualisierter Gewalt, als Prostituierte und als Autorin berichtet und daraus nach einer radikaleren feministischen Orientierung sucht. So schreibt Virginie Despentes 2006:

In den Büchern von Frauen gibt es nur selten Dreistigkeit oder Feindseligkeit gegenüber den Männern. Sie sind zensiert.

Genau das ist es, was auch an dem Film über Mary Shelley angesichts der Ungerechtigkeiten und Verletzungen, die sie erfährt, so unbefriedigend ist.

Despentes weiter:

Ich gehöre zu diesem Geschlecht, das nicht einmal das Recht hat, seinem Ärger Luft zu machen. Colette, Duras, Beauvoir, Yourcenar, Sagan, eine ganze Geschichte von Autorinnen, die sich bemühen, vertrauenswürdig zu sein, sich für Ihr Schreiben zu entschuldigen, indem sie wieder und wieder sagen, wie sehr sie sie mögen, achten und lieben, und dass sie vor allem – egal was sie schreiben – nicht allzu viel Unruhe stiften wollen. Wir wissen alle, was sonst passiert: die Meute wird sich um dich kümmern, und zwar gründlich. (…) Man soll mir nicht erzählen, dass die Dinge sich so sehr geändert hätten, dass es anders geworden wäre. Nicht mir. Was ich als Schriftstellerin ertragen muss, ist doppelt so viel wie ein Schriftsteller.

Lesbenkrimi für die nächste Italienreise

Erfahrung ist ein Kamm, den man erst bekommt, wenn einem die Haare schon ausgefallen sind. Ähnlich wie Karl Valentin ging es mir mit diesem Buch, das eine launig erzählte lesbenzentrierte Lektüre für den Urlaub in Italien hätte sein können, das ich aber erst jetzt entdeckt habe, wo wir längst wieder zurück sind.

Sarah Sajetti: Chiara, Simona und die anderen. Krug und Schadenberg, 2013.

Keine große Literatur, aber immerhin ein Lebenszeichen italienischer Lesben und ein kleiner Einblick in die Mailänder Szene.

Wüstenfeuer und Gefährliche Vergangenheit – Neue LGBTI-Krimis

Nach so viel harter Kost hätte ich jetzt gerne mal was Leichtverdauliches gelesen. Einen Krimi vielleicht, und er sollte in einer mir etwas verwandteren Welt spielen…. Mal schauen, ob unter den Neuerscheinungen bei den einschlägigen Verlagen was dabei ist…. Ha – im Querverlag ein neuer Krimi von Ria Klug – queeres, lesbisches und linkes Personal, das könnte passen! Und Krug und Schadenberg, die dieses Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum als Verlag für lesbische Literatur feiern, haben einen neuen Krimi von Katherine Forrest herausgebracht: Wüstenfeuer. Vorweg soviel: Beide Krimis habe ich im Urlaub verschlungen – aber es ist mir nicht in beiden Fällen gut bekommen.

Katherine Forrest erzählt an Hand ihrer Ermittlerin vom Älterwerden, von Abschieden, vom Wert alter Lieben und Freundschaften, und davon, dass es nie zu spät ist, mit alten, schädlichen Gewohnheiten zu brechen, um sich selbst und anderen ein Stück näher zu kommen. Das alles, während die Suche nach ihrem plötzlich verschwundenen Ex-Kollegen unaufhaltsam auf einen nervenzerreissenden Showdown zusteuert. Ein toller Krimi, in dem lesbische Lebenswirklichkeit selbstverständlich ist. Endlich einmal kein Problem, sondern einfach Teil der Geschichte. Zusammen mit den oben genannten Themen macht ihn genau das für mich unbedingt empfehlenswert. Irgendwie eine runde Sache:

Katherine Forrest: Wüstenfeuer. Krug und Schadenberg, 2018.

Ria Klugs „Gefährliche Vergangenheit“ dagegen hat in mir eher einen wirren und unbefriedigenden Eindruck hinterlassen. Der Thriller ist in einer extremen Nischenwirklichkeit angesiedelt, nämlich den Überbleibseln der militanten Linken (Ex-RAF und Umfeld) in Berlin. Geschildert wird eine Atmosphäre, in der Geldsorgen, Misstrauen und Verrat an der Tagesordnung sind, politisch engagiert ist eigentlich niemand mehr (???). Die Konfliktlinien verlaufen zwischen dem Protagonisten Riva, der früher als Frau bei den italienischen Roten Brigaden war, und dessen unsympathischem Ex-Genossen Sandro, vor dem er auf der Flucht ist. Daneben konkurrieren noch diverse miese Charaktere aus der Szene um ein vermutetes Gelddepot aus den 1980er Jahren, von dessen Entdeckung sie sich die Lösung ihrer Probleme versprechen. Wenn man es genau nehmen will: ziemlich klischeehaft und ein bißchen an den Haaren herbeigezogen. Aber okay. Was mich dabei bei der Stange gehalten hat, war einerseits die Frage, was es wohl mit der plötzlich aus dem Nichts auftauchenden blonden Retterin auf sich hat. Und andererseits die Hoffnung, dass die Wahl des Settings sich als absichtsvoll erweisen würde. Diese Hoffnung, und das ist mein Hauptkritikpunkt an diesem Buch, wurde leider vollends enttäuscht. Eine solche Absicht hätte sein können, historische oder aktuelle Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen und neu zu beleuchten. Ein Vorbild hierfür ist Wolfgang Schorlau, der jeden seiner Krimis mit ausführlichen Recherchenachweisen und Links unterfüttert (siehe zb seine Materialien zu „Das München Komplott“). Aber vielleicht habe ich ja etwas übersehen? Wer sich selber ein Bild machen will:

Ria Klug: Gefährliche Vergangenheit. Querverlag, 2018.

Unheile Welt am Mittelmeer

Urlaub in Italien – da muss doch wenigstens eine italienische Autorin ins Reisegepäck und ein bißchen Hintergrund zu „Land und Leuten“… Eine große Auswahl an aktuellen feministischen, gerne gar lesbischen Autorinnen aus Italien ist mir ad hoc leider nicht begegnet (für Tipps wäre ich wahnsinnig dankbar – einfach als Kommentar hier hinterlassen!).

Gefunden habe ich dann erstmal Margaret Mazzantini. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat 2013 mit ihrem Roman „Herrlichkeit“ das in Italien immer noch sehr spürbare Tabu Homosexualität gebrochen und die Schönheit und Tragik einer nur zum Teil ausgelebten lebenslangen Liebe zwischen zwei Männern zum literarischen Thema gemacht.

Ihre 2011 erschienene, relativ kurze Erzählung „Das Meer am Morgen“ stellt eher, aber nicht nur, Frauen in den Mittelpunkt. Von Italien nach Libyen und zurück migrieren darin über mehrere Generationen hinweg die einen, nämlich die, deren Nachkommen überleben und erzählen können. Von Libyen Richtung Italien treibt es die anderen, doch sie kommen auf dem Weg um. Wie so viele, die heute die Flucht übers Meer Richtung Europa antreten.

Grausam sind beide Geschichten, ist jede Vertreibung. Anhand der Schicksale von Mazzantinis Romanfiguren wird nachvollziehbar, wie die politischen Entwicklungen der letzten ca 100 Jahre die verschiedenen Migrationsbewegungen über das Mittelmeer angestoßen und geprägt haben. Von der italienischen Kolonialpolitik in Libyen (menschenverachtend und rassistisch wie jede Kolonisierung) über die „grüne Revolution“ Gaddafis, seine Instrumentalisierung der Flüchtenden in der Auseinandersetzung mit der EU, bis hin zu den ebenso verheerenden Folgen seines Sturzes – quasi im Schnelldurchlauf werden uns diese Zusammenhänge vor Augen geführt, aus der Perspektive von Menschen, die einfach zwischen die Räder geraten.

Das Thema Verantwortung stellt Margaret Mazzantini dennoch zur Debatte. Eine ihrer Figuren, die in Afrika geborene und später nach Sizilien vertriebene Angelina, „gehört zu den Menschen, die Verantwortung auf sich nehmen wollen.(…) Sagt, kein Volk, das ein anderes kolonial unterdrückt habe, sei unschuldig. Sagt, sie wolle nicht länger in einem Meer schwimmen, in dem Flüchtlingsboote untergingen.“ Ihren Sohn, Vito, überfordert das. Aber irgendwann beschließt er, zumindest nicht wegzuschauen.

„Das Meer am Morgen“ ist ein einfühlsam und kurzweilig, kurzum richtig gut geschriebenes Buch mit politischem Anspruch, das uns die Freiheit lässt, selbst zu entscheiden, was wir mit unserem Wissen anfangen. Uneingeschränkte Empfehlung, nicht nur für Italien-Urlauber*innen!

Wer dann noch nicht genug hat vom Thema und das Buch noch nicht kennt, oder wer mal eine Kreuzfahrt übers Mittelmeer machen möchte, kann mit Merle Krögers Havarie weitermachen. Auch das ein gut geschriebenes, spannendes und Augen öffnendes Buch, das ich wirklich allen ans Herz legen möchte.

So, und jetzt mit meiner Geliebten auf an den Strand! Hand in Hand, wie die Heteropaare, oder doch lieber „diskret“, weil hier überall der Papst hängt und sich das weit und breit sonst niemand traut?

Margaret Mazzantini: Das Meer am Morgen. Dumont Verlag, 2011 Übersetzt von Karin Krieger.

Merle Kröger: Havarie. Ariadne Kriminalroman, 2015.

Missing Links – von fehlenden Müttern und den 1970ern in Brooklyn

Jacqueline Woodson ist eigentlich Jugendbuchautorin. Nie zuvor hatte ich vom Astrid Lindgren Memorial Award gehört, aber es ist der best dotierte Jugendbuchpreis weltweit, und Jacqueline Woodson hat ihn bekommen. Jetzt hat sie ein Buch über das Erwachsenwerden von vier Mädels im Brooklyn der 1970er Jahre geschrieben, wo sie selbst auch aufgewachsen ist.

„Ein anderes Brooklyn“ ist ein viel zu kurzes Buch, denn es ist so gut, dass ich schon ahne, ich werde lange suchen müssen, um einen gleichwertigen Anschluss zu finden. Sei’s drum, zur Not muss ich es halt nochmal lesen!

Jacqueline Woodson, die heute mit ihrer Partnerin und zwei Kindern in einem anderen Brooklyn lebt, erzählt vom Erwachsenwerden unter den Rahmenbedingungen von Rassismus, Sexismus, Prekarität. Die vier Mädchen, die bald eine Art Gang bilden, sind sehr unterschiedlicher Herkunft, aber alle nicht weiß, und keine von ihnen hat eine Mutter, die sie stärkt und auf die sie sich verlassen kann. Die Jungs und die Männer, die sie umgeben, sind nicht alle schlecht, aber: „… es war eine Nähe im Schatten.(…) Wenn mein Bruder und mein Vater die Köpfe zusammensteckten und miteinander redeten, sah ich ihre fließende Verbindung, etwas, von dem ich ausgeschlossen war. Vielleicht bestand zwischen mir und meiner Mutter eine ähnliche Nähe. Wenn sie zurückkam, wäre es wieder so.“, schreibt August, die Erzählerin, bereits ziemlich am Anfang. Gleichzeitig ist das, was die vier von ihren jeweiligen Müttern beigebracht bekommen, auch nicht ermutigend. „Trau keiner Frau“, wird August von ihrer Mutter gewarnt. „Du musst aus dieser Haut raus. Du musst sie hinter dir lassen. Halte dich im Schatten. Sie darf nicht noch dunkler werden.“, hört Gigi von ihrer Mutter. „Träume sind nicht für Leute, die aussehen wie ihr“, scheint der Blick von Sylvias Mutter zu sagen, wenn die Freundinnen dort zu Besuch sind. Angelas Mutter, die sich später als Junkie entpuppt, verbietet ihr, über ihre erste Menstruation zu reden. Und auch die „Tanten“, die Augusts Vater eines Tages von der Moschee und Treffen der Nation of Islam mit nach Hause bringt, geben keine Orientierung in der gerade erst zu entdeckenden Welt eigener und fremder Körperlichkeit und Sexualität.

Was die Mütter nicht schaffen, versuchen die vier, sich gegenseitig zu geben. Als eine von ihnen vergewaltigt wird, sind es die Freundinnen, die sie trösten und ihr wieder und wieder versichern (müssen): „Du bist nicht schuld.“. Und dennoch: alles können sie nicht auffangen.

Dazu sind sie einfach zu jung, zu unerfahren, zu isoliert in der Welt.

Am Ende heißt es im Text: „… warum hörten wir nicht Carmen McRae singen, wenn wir den Kopf ans Herz der anderen legten? In Angelas geballten Fäusten taumelte Billy Holiday an uns vorbei. Nina Simone sagte uns, wie schön wir waren, aber wir hörten ihre Stimme nicht.“

Wer verstehen will, wozu eine ganze Bandbreite starker weiblicher (und Schwarzer…) Role Models und Identifikationsfiguren gut sind, bekommt mit diesem Text eine gute Vorstellung.

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn. Übersetzt von: Brigitte Jakobeit. Erschienen im August 2018 bei Piper.

Jäger und Verjagte

Die Fabrik, das wissen alle, hat ihre besten Zeit weit hinter sich und wird bald schließen. Doch nicht das ist die größte Sorge des Chefs und der wenigen verbliebenen Mitarbeiter*innen, sondern ein Wolf, der angeblich auf dem Fabrikgelände gesehen wurde.

Nach und nach stellt die dreißigjährige Schweizer Autorin Gianna Molinari in ihrem Roman „Hier ist noch alles möglich“ das auf unterschiedliche Weisen zu Jägern werdende Fabrikpersonal vor. Da sind neben dem selbstverliebten Chef zunächst die Befehlsempfänger, die Protagonistin und ihr Kollege, die sich beim gemeinsamen Fallenbauen näher kommen. Da ist einer, der – „einer muss es ja tun“ – am liebsten sofort zum Gewehr greifen würde. Und der sich gleichzeitig, wenn es um seine persönliche Zukunft geht, ins Weltall träumt, anstatt aktiv zu werden und/oder von Bord des sinkenden Schiffs zu springen. Das wiederum tun andere – und werden damit selbst auf eine Art zu Vertriebenen, auch wenn auf sie nicht gleich Jagd gemacht wird.

Doch wer ist eigentlich der Gejagte? Nur, wer ihm nichts tut, kann in diesem Roman vielleicht einmal aus der Ferne einen Blick auf ihn erhaschen. Und doch nichts über ihn wissen.

Die skurrile Geschichte der Jagd auf einen Wolf in den Ruinen der Industrialisierung ist für sich schon ganz wunderbar. Toll erzählt, einprägsam in Atmosphäre, Bildern und Charakteren.

Gianna Molinari legt aber noch eine zweite Ebene darüber. Die Erzählerin begegnet innerhalb der Romanhandlung nämlich der leider nicht fiktiven Geschichte vom „Mann, der vom Himmel fiel“. 2010 wurde in der Schweiz ein dunkelhäutiger Mann tot aufgefunden, dessen Herkunft sich zunächst niemand erklären konnte. Schließlich wurde vermutet, dass er beim Landeanflug einer aus Afrika kommenden Maschine aus dem Fahrwerk gestürzt sein musste, wo er sich wahrscheinlich versteckt hatte. Seine Identität ist bis heute unbekannt.

Flüchtende, die es vielleicht nach Europa schaffen, vielleicht aber auch nicht, die kennenzulernen wir uns nicht einmal die Mühe machen, bevor wir sie schon jagen. Wie Wölfe, immer gut für einen Skandal, auch wenn kaum jemand sie je selbst zu Gesicht bekommen hat. Sind nicht zum Urlaub machen hier, sondern weil sie von irgendwo anders vertrieben wurden. Doch allein die Tatsache, dass sie (von irgendwelchen Kapitalisten abgesteckte) Grenzen überschreiten, macht sie zum Freiwild. Und auch, wenn es nicht unsere Fabrik ist, auch, wenn der Chef uns eh demnächst alle über die Klinge springen lässt: wir lassen uns gegen sie aufwiegeln und machen mit, wenn es heißt: die müssen raus. Auf unterschiedliche Arten, ja, aber die meisten machen mit. Andere sehen/gehen weg. Aber wer hilft?

Sprache, Bilder, Form, Vorstellungs- und Überzeugungskraft, politische Haltung – für mich stimmt in diesem kurzen Roman einfach alles. Ich bin begeistert!

Mehr Infos zum Buch auf den Seiten des Aufbau-Verlags, dem ich dankbar bin dafür, immer wieder neuen, mutigen und politisch engagierten Autor*innen jenseits des Mainstreams ein Forum zu bieten: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/hier-ist-noch-alles-moglich.html

Hinschauen

Hinschauen, ganz genau hinschauen, ganz genau und gerade da, wo es weh tut. Wo es einer den Magen umdreht. Darum geht es in „Wer dann noch lachen kann“ von Birgit Vanderbeke.

Ich habe dieses Buch auf einem Bücherflohmarkt gefunden und wusste gleich: kein Gute-Laune-Buch, aber sicherlich gut. Als ich mich endlich aufgerafft habe, es zu lesen, entpuppte es sich als Page-Turner – mit Tiefenwirkung.

Sprachlich leicht und zugleich präzise, inhaltlich persönlich und zugleich politisch, erzählt Birgit Vanderbeke von häuslicher Gewalt – auch wenn das Mädchen, das sie erleidet, dies für ein vergleichsweise „kleines Pech“ hält im Vergleich zu Kriegen, Hunger und Vertreibung/Flucht.

Doch alle Geschichten von Gewalt und Krieg müssen erzählt werden. Sie werden erzählt, so oder so, zuerst durch den Körper, und wenn man Glück hat und eine/n, die/der zuhört, auch mit Worten.

Birgit Vanderbekes Mädchen hat dieses Glück, zunächst in Form ihrer eigenen Stimme aus der Zukunft (dem Beweis, das sie überleben wird, was ihr gerade widerfährt), und später in Gestalt des „Mikrochinesen“. Was es mit dem auf sich hat, müsst ihr schon selber lesen. Ich finde, es lohnt sich!

Gewalt gegen Kinder in Deutschland nimmt laut Kriminalstatistik eher zu als ab. 2017 sind in Deutschland 143 Kinder zu Tode geprügelt worden. Der Polizei wurden allein 2017 über 4000 Fälle von schweren Misshandlungen und über 13000 Fälle von sexueller Gewalt bekannt. Die vermutete Dunkelziffer ist riesig. Die Täter/innen sind in den meisten Fällen die eigenen Eltern oder nahe Verwandte. Im Internet gibt es mehr als 80000 Seiten mit Abbildungen von Gewalt gegen Kinder. (Quelle: Tagesschau). Auch hier gilt: nicht weg-, sondern hinschauen – und eingreifen. Das hat Birgit Vanderbeke mit diesem starken Buch noch einmal ganz deutlich gemacht, Handlungsanleitungen inklusive.

Eine lesbische Liebesgeschichte aus dem Iran

Lieben dürfen, wen ich will. Leben dürfen, mit wem ich will. Wen kann das – und aus welchen Gründen – stören? Leider genügt es nicht, einfach den Kopf zu schütteln über dererlei Meinungsterrorismus. Denn oft genug ist er gepaart mit Macht – kultureller, politischer und im schlimmsten Fall staatlicher Macht. So zum Beispiel im Iran, wo (Stand heute) Menschen aufgrund ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe getötet werden.

Deborah Ellis, eine kanadische Psychotherapeutin, die mit Geflüchteten arbeitet, hat in ihrem Buch „Wenn der Mond am Himmel steht, denk ich an dich“ die reale Geschichte einer jungen iranischen Frau zu einem, aus verschiedenen Gründen lesenswerten, Roman verdichtet. Zum einen ist da natürlich der seltene Einblick in Alltagswelten des heutigen Iran. (Einen Kommentar zu einem aktuellen, auch von einer Frau geschriebenen Sachbuch zu diesem Thema, findet ihr unten – das konnte ich mir in diesem Zusammenhang einfach nicht verkneifen.) Zum anderen ist die Erzählung von Deborah Ellis aber auch geprägt von großer Zartheit und der Poesie einer ersten Liebe, die sich gegen alle Widerstände ihren Weg bahnt. Trotz der thematisch wirklich schweren Kost habe ich das Buch gerne und in einem Rutsch durchgelesen, wie schon lange keine lesbische coming-out-Geschichte mehr. Jugendlichen wie Erwachsenen kann ich es uneingeschränkt empfehlen!

Ein guter Anlaufpunkt, um sich über die Lage/Verfolgung von lesbischen, schwulen, und transsexuellen Menschen zu informieren ist die Länderseite von Queeramnesty.

(Als aktuelles, 2017 erschienenes Sachbuch zum Alltag im heutigen Iran, das vor allem gegen die hier – in den deutschsprachigen Ländern?- verbreiteten Klischees angehen und „moderne“ Tendenzen aufzeigen will, lief mir „Der neue Iran“ von Charlotte Wiedemann über den Weg.ü Leider bin ich bisher nur dazu gekommen, mal hineinzuschnuppern. Eine Suche nach dem Begriff Homosexualität ergab 0 Treffer, einen Treffer gab es für homosexuell im Zusammenhang mit einem anscheinend bekannten Schwulentreff in einem öffentlichen Park in Teheran. Ich schließe daraus, dass die Autorin vermutlich keine Betroffene, also Lesbe, ist und auf diesem Auge eher blind. Das wiederum stellt dann für mich auch ein wenig die Glaubwürdigkeit ihrer Einschätzung zu anderen Diskriminierungsthemen in Frage, zb was den Antisemitismus im Iran angeht. Obwohl das Buch von deutschen Kulturleitmedien wie Deutschlandfunk, Zeit und FAZ positiv aufgenommen wurde, würde ich es daher bei allem Interesse zumindest mit kritischem Blick lesen. Wenn ich eines Tages dazu komme…)

Beide hier erwähnten Bücher gibt es übrigens in der Onleihe oder im Buchladen eures Vertrauens!

DEBORAH ELLIS

Wenn der Mond am Himmel steht, denk ich an dich

Übersetzt von Edith Beleites

Ab 13 Jahren

Taschenbuch, Broschur, 256 Seiten