Auf ein gutes neues Jahr!!!

Das Jahr auf diesem Blog fängt mit zwei guten Nachrichten an: ab sofort seht ihr hier keine Werbung mehr – und: so langsam wachen auch maßgebliche offizielle Stellen auf und stellen sich ihrer Verantwortung bezüglich der Nutzung von Social Media! Ich freue mich sehr über die Nachricht, dass der Landesdatenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg, Stefan Brink, angekündigt hat, wegen rechtlicher Bedenken seinen Twitter-Account nicht mehr nutzen zu wollen. Und nicht nur das: er stößt damit einen Prozess an, der Behörden und andere öffentliche Einrichtungen dazu zwingen wird, ihren Social Media Einsatz ebenfalls zu hinterfragen und im besten Fall auch zu ändern. Und das finde ich gut so. Denn – und da bin ich ganz bei Stefan Brink – indem wir relevante Informationen über Dienste zur Verfügung stellen, die im Hintergrund auf problematische Art Nutzer*innendaten sammeln, bringen wir andere dazu, diese zu nutzen und dabei womöglich ungewollt private Daten preiszugeben. Wir stärken damit Konzerne und Mechanismen, die niemandem gut tun außer sich selbst.

Zwei Dinge möchte ich mir dann fürs neue Jahr noch wünschen: dass sich genug schlaue Köpfe zusammenfinden, um unabhängige, unkommerzielle und sichere Kommunikationskanäle anbieten zu können – Social Media eben, aber ohne Kommerz und Ausbeutung. Und dass dann auch immer mehr Menschen auf diese umsteigen!

Halten wir uns gegenseitig auf dem Laufenden, was solche Entwicklungen angeht! (A propos: was dieses Jahr so beim CCC-Kongress los war, findet ihr in Ausschnitten hier.…) Machen wir mit! Und freuen wir uns gemeinsam auf ein gutes neues Jahr!

10 Gründe, warum unser Umgang mit Studien brandgefährlich ist

Wie ich diese klick-optimierten Überschriften hasse! In diesem einen Fall hoffe ich, dass sie euch nicht abgeschreckt hat. Vielleicht, weil ihr mir als Autorin vertraut?

In Zeiten, in denen Klicks wichtiger zu sein scheinen als Fakten oder gründlich Überlegtes und daher nicht ganz so Vereinfachbares, in solchen Zeiten tut es Not, einfach mal auf die Bremse zu treten. Habt ihr euch auch schonmal gefragt, wo diese ganzen Studien immer herkommen, auf die wir mit ähnlichen Überschriften täglich hingewiesen werden? Und wie sehr wir ihnen vertrauen können?

Oft genug verbirgt sich hinter einen Überschrift wie „5 Lebensmittel, die sie auf keinen Fall essen sollten“ am Ende keinerlei Information, die über irgendwelche Allgemeinplätze hinausgeht, und die entweder unseren Vorannahmen entspricht (weswegen wir sie wahrscheinlich angeklickt haben), oder die uns andernfalls kaum vom Gegenteil überzeugen kann.

Weil mich dieses Phänomen so ärgert, habe ich mich voll über dieses Video gefreut, in dem auf satirische Art gezeigt wird, wie bescheuert der Umgang mit tatsächlich (aus ebenso hinterfragbaren Gründen) haufenweise produzierten Studien in den Medien heute oft ist. Kurz zusammengefasst für diejenigen, die nicht genug englisch verstehen oder schlicht nicht auf jeden blöden Link klicken wollen:

  • wissenschaftliche Ergebnisse werden trivialisiert
  • Datenbasis, Methoden und Herkunft werden nicht überprüft, so dass unwissenschaftliche Studien als Wissenschaft verkauft werden
  • Überschriften geben Inhalte falsch wieder
  • durch dieses Vorgehen wird Wissenschaft insgesamt diskreditiert – und das ist gefährlich.

Lassen wir uns also nicht verdummen, sondern gehen wir öfters mal wieder in eine Bibliothek oder lesen längere und mehrere Artikel zu einem Thema. Wir können uns dann nicht so schön wie Spezialist*innen für alles fühlen, aber vielleicht verstehen wir wenigstens ein paar wenige Sachen, und die dafür richtig.

Hier gehts zum Video: https://youtu.be/0Rnq1NpHdmw . Es ist leider altersbeschränkt. Wäre ja auch schlimm, wenn Jugendliche das erfahren würden! Danke, YouTube aka Google!

PS: meine Liebste hat mich darauf hingewiesen, dass die ursprüngliche Überschrift dieses Artikels Sehbehinderten-feindlich war. Danke dafür!

Alexa ist KI für Dummies

Nein, sie sind nicht smart, die Geräte, die uns jetzt als solche verkauft werden sollen. Womöglich gar als Weihnachtsgeschenke. Da wüsste ich bessere. Zum Beispiel das Buch „Weapons of Math Destruction“ (auf Deutsch: „Angriff der Algorithmen„) der US-amerikanischen Mathematikerin Cathy O’Neil. In diesem Buch wird verständlich und sehr anschaulich beschrieben, was das Problem daran ist, wenn wir immer mehr Antworten auf unsere Fragen so genannten KI-Systemen überlassen (KI steht für „Künstliche Intelligenz“).

Dazu muss man zunächst wissen, wie diese Systeme heute funktionieren. Sie „verstehen“ nämlich nicht, haben also keine interne Vorstellung von Bedeutungen, sondern analysieren und bewerten Daten allein auf Grund von Ähnlichkeiten zu den immensen Mengen an Trainingsdaten, mit denen sie zuvor gefüttert werden mussten. Damit das System mir zb aus einer Menge Fotos diejenigen Fotos auswählt, auf denen eine „schöne Frau“ zu sehen ist, muss ich es zuvor mit tausenden von Fotos gefüttert haben, auf denen „schöne Frauen“ zu sehen sind. Und mit ebenso vielen, auf denen dies nicht der Fall ist. Zeige ich dem System dann ein neues Foto und frage: „Ist das eine schöne Frau?“ bekomme ich als Antwort die berechneten Wahrscheinlichkeiten für ja oder nein, also einen bestimmten Grad der Ähnlichkeit zu meinen Trainingsdaten. Was passiert also, wenn ich als Trainingsdaten nur oder vorwiegend Fotos von dünnen blonden Frauen eingegeben haben? Schwarze oder fülligere Frauen werden niemals als schön erkannt.

Wer sich für weitere Details interessiert und wer wissen will, wo derartige Algorithmen schon jetzt in unser tägliches Leben eingreifen, findet bei Cathy O’Neil einen guten Einstieg.

Noch dazu ist Alexa alles andere als „intelligent“ – der Gebrauch dieses Begriffs im Zusammenhang mit diesem Gerät ärgert mich geradezu. Auf die wenigsten Fragen bekommen wir eine befriedigende Antwort, stattdessen machen wir uns zum Deppen, in dem wir versuchen, das Gerät auf unsere Aussprache einiger weniger Befehle zu trainieren. Warum tun Menschen so etwas? Weil ihnen weisgemacht wird, dass sie damit ganz vorn wären in der Entwicklung der Zivilisation?

In Wahrheit bezahlen die Nutzerinnen und Nutzer dieser Systeme dafür, den Herstellern wertvolle Daten zur Verfügung zu stellen – zusätzlich zu ihren Vorlieben und Interessen zum Beispiel auch die eigene Stimme und Aussprache. Mit diesen Daten werden dann wieder neue Systeme trainiert. Und, eines Tages, werden wir anhand unserer Stimmen inmitten großer Menschenmengen identifiziert und verfolgt werden können. Schön blöd also. Im Vergleich dazu ist Alexa dann vielleicht doch nicht so dumm…

Cathy O’Neil: Angriff der Algorithmen. Wie sie Wahlen manipulieren, Berufschancen zerstören und unsere Gesundheit gefährden

    übersetzt aus dem Englischen von Karsten Petersen

  • Erscheinungsdatum: 21.08.2017 
  • 352 Seiten
  • Hanser Verlag

Warum Männer sich vor intelligenten Robotern fürchten sollten

Im Vorbeifahren sehe ich einen Mann zusammengesunken auf einer Parkbank sitzen. Klar halte ich an und schaue, ob ich helfen kann. Es ist ein dicklicher, ungepflegt wirkender Mann mittleren Alters, spontan nicht direkt sympathisch. Aber. Ich spreche ihn laut und deutlich an – keine Reaktion. Ich überwinde meinen Ekel, fasse an seine Schulter und rüttle ihn ein wenig. Hallo, geht es Ihnen gut?

Jetzt ratet mal, was dann passiert! Hundert Punkte für die “Paranoiden“ unter uns: kaum regt er sich wieder, baggert er mich plump an. Und als ich nicht drauf eingehe, beschimpft er mich noch!

Ich bin nicht fassungslos, denn so etwas passiert mir nicht zum ersten Mal.

An dieser Stelle muss ich an Cozmo denken, den ich heute kennengelernt habe. Cozmo wäre das wahrscheinlich nicht passiert. „Sein Charakter entwickelt sich mit seinen Erlebnissen ständig weiter“, so die Werbung für den „kleinen Roboter mit großem Verstand und noch größerer Persönlichkeit“, der „hunderte“ Emotionen „kennt“ und in seine Handlungen einfließen lässt. Erlebten Frustrationen geht er künftig eher aus dem Weg.

Bin ich blöder als ein Spielzeug aus den Werkstätten der künstlichen Intelligenz? Was meint ihr?

Ich denke anders darüber.

Weil es mir am Ende um mehr geht als den Erfolg oder Misserfolg meines Handelns. Mir bedeutet es mehr,  das getan zu haben, was ich richtig finde. Und dazu gehört es, Menschen in Not nicht zu ignorieren. Selbst wenn sie sich als undankbare männliche Arschlöcher entpuppen. Ich definiere mich auch anhand übergeordneter Werte. Ich kann den achtjährigen Sohn nicht aus dem Fenster schmeißen, um mich zu retten*.

Vielleicht sichert genau das den Männern (insbesondere den zahlreichen Arschlöchern unter ihnen) in dieser Welt tatsächlich noch das Überleben. Um sich für die Zukunft abzusichern, sollten sie dafür sorgen, dass sie nicht auf rational agierende Roboter angewiesen sind. Oder ihr Verhalten ändern.  Was von beidem wird wohl passieren?

* Ein Zitat von Christa Reinig:

SONNTAG
Schmeiß
deinen achtjährigen sohn vom balkon
und du bist gerettet

Cyber War – Syrien als Lehrstück

Wie schafft es eine Journalistin heute noch, Menschen im vermeintlich sicheren Europa für den Krieg in Syrien zu interessieren?

Juliana Ruhfus, Dokumentarfilmerin bei Al Jazeera, die zuletzt einen Film über den Cyberwar in Syrien gedreht hatte, stellte sich genau diese Frage. Und wusste sehr schnell, dass die Antwort mobil und interaktiv sein sollte.
Im Oktober 2016, nach nur 3 Monaten Entwicklungszeit, präsentierte sie #Hacked – ein Online-Spiel, das einer einfachen Grundidee folgt: Finde soviel du kannst über den Krieg im Internet raus, ohne dabei selbst gehackt zu werden. Hintergrund ist die reale Situation in Syrien.
Im Spiel nimmst du die Rolle der JournalistIn ein, die von KollegInnen, Websites und InformantInnen mit Hinweisen versorgt wird. Dabei bringst du dich und andere permanent in Gefahr, von den kriegführenden Parteien gehackt oder in die Irre geführt zu werden.
Brisant an dem Spiel: alle Angriffe und Hacks haben so tatsächlich stattgefunden. Und alle Informationen über den Krieg in Syrien und die immer noch existierenden Kräfte des Arabischen Frühlings sind real.
Ich habe gerade erst angefangen zu „spielen“, und doch schon mehr über den Krieg in Syrien erfahren als in den ganzen letzten Monaten, wo jeder Versuch, zu begreifen, in Trümmerbildern versandete. Wenn ich das Spiel beende, werde ich dazu noch vieles über die Gefahren der Kommunikation im Web gelernt haben (und wie man sich davor bestmöglich schützen kann). Bereits jetzt habe mich emotional neu auf diese Themen eingelassen.

Das Projekt begeistert mich. Well es das Potential hat, uns aus der Lethargie zu reißen. Weil das Engagement der Macherin in jedem Moment spürbar ist.

Und so wollte ich auch wissen, wer und was genau dahinter steckt.

Augenfällig fand ich beim Lesen eines sehr ausführlichen Artikels über die Entstehung des Games, dass es offensichtlich vor allem Frauen waren, die das Projekt entwickelt haben: Juliana Ruhfus, als treibende Kraft, Nataly Rios Goico als erfahrene Game-Konzepterin, Ilze Juhnevica und Zahra Warsame, Designerinnen bei Al Jazeera.

Keine Klischees an dieser Stelle. Einfach mal beobachten. Und vielleicht mit der aktuellen Werbung der Bundeswehr vergleichen.