Die Veränderung, die du dir wünschst

Was, wenn an dem Ort, den du liebst, Aliens landen würden, die alle in das verwandeln könnten, was sie gern wären?

Würde sich die Natur rächen für das, was wir Menschen ihr angetan haben? Wie lange würde es dauern, bis Rache und Gewalt sich ausgetobt hätten? Gäbe es ein Danach? Würde alles ins Chaos stürzen?

Die in den USA geborene Autorin Nnedi Okorafor, deren Eltern aus Nigeria sind, hat dieses Szenario in ihre Lieblingsstadt Lagos gelegt und mit Hilfe einer Spinne einen Comic-haften Roman daraus gewoben: Lagune, erschienen 2016 im Cross-Culture-Verlag.

Insgesamt ein starkes und inspirierendes Buch, das das, was ist, nicht beschönigt, aber dann alles an Fantasie, Superheld*innenkräften und Explizitheit aufbietet, um es zu überwinden. Gewalt gegen Frauen wird bestraft – und die Gewalt gegen LGBTTI* hoffentlich eines Tages auch. Betrug, Korruption und Verbrechen gegen die Umwelt – nichts kann bleiben, wie es ist. Die fremden Wesen sind vor allem eins: Veränderung.

Nnedi Okorafor erzählt aus einer klar nicht-männerdominanten Perspektive, womit ich folgendes meine:

  • Eine Frau als Protagonistin – gleichberechtigt neben Männern, die Gewalt gegen Frauen klar ablehnen. Andere Männer sind keine Sekunde lang Sympathieträger.
  • Die Botschafterin der Aliens erscheint (meist) in Gestalt einer Frau.
  • Auch weibliche Nebenfiguren haben eigene Geschichten und ein eigenes Standing.
  • Besondere Lebensbedingungen von Frauen werden erkannt und benannt.
  • Von der Norm abweichende und auch nicht-menschliche Wesen kommen als Leidens- und entscheidungsfähige Subjekte vor, und die Gewalt, der sie aktuell in der (hier nigerianischen) Gesellschaft ausgesetzt sind, als brutal und ignorant erlebbar.

So könnten natürlich auch Menschen schreiben, die sich nicht als Frau definieren – sie tun es aber leider immer noch VIEL zu selten.

Nnedi Okorafor: Lagune. Cross Cult Verlag, 2016.

Die Entdeckung dieses Buchs verdanke ich Marion und ihrem Blog schiefgelesen.net . Für solche Anregungen lese und schreibe ich Blogs. Folgt uns und gebt weiter, was ihr gut findet, damit wir auch morgen noch Bücher lesen können, die es nicht auf den Wühltisch bei Thalia schaffen!

Jemand hätte sie einmal in den Arm nehmen müssen. Ein Buch zum Muttertag.

“Okaasan – meine unbekannte Mutter“ heißt das 2010 erschienene Buch von Milena Michiko Flašar. Die 1980 geborene Autorin erzählt darin von einer Tochter, die ihre demente Mutter beim Sterben begleitet und ihr dabei noch einmal ganz neu begegnet. Außerdem begegnet sie in dieser Situation vielen anderen Menschen, die ihr vom Sterben ihrer Mütter erzählen, und, in einem zweiten Teil, schließlich der Mutter aller Mütter.

Der erste Teil begeisterte mich sofort durch seine sehr genaue und zugleich zarte Sprache. Sie erinnerte mich an die sehr intensive Zeit, als meine Mutter starb, in der jeder Moment eine viel tiefere Bedeutung hatte, Achtsamkeit das Gebot der Stunde war und Kleinlichkeit keinen Platz mehr hatte. In der, wie in dem Buch, eine wieder entdeckte Liebe den Grundtenor gab.

Diese Behutsamkeit, auch der Leserin gegenüber, geht im zweiten Teil leider vollständig verloren. Nach dem Tod der Mutter reist die Tochter, einer Art Schicksalswink folgend, in ein indisches Ashram. Was nun folgt ist eine Art Erleuchtungstagebuch. Ob das inhaltlich interessant ist, muss jede selbst entscheiden, sprachlich jedenfalls war es für mich ab da mit dem Genuss zu Ende. Was ich sehr sehr schade fand, denn die Autorin kann es besser!

Ich empfehle das Buch bedingungslos für seinen ersten Teil, in den ich euch jetzt noch kurz reinhören lasse. Der zweite Teil muss ja nicht gelesen werden!

Von ihren Geschwistern wurde Miyuki M. die Mondprinzessin genannt und sie meinten es durchaus ernst damit. Ihnen war aufgefallen, dass ihre Schwester sich von ihnen unterschied und dass ihre Seele von einer untypischen Schüchternheit war, so wie die eines flüchtigen Reisenden, der nicht vorhat, länger zu bleiben. Aus bravem Anstand fanden sie es bedenklich, dass jemand sich auf dieser Erde nicht zu Hause fühlte, und ließen sie ihr Befremden mit der üblichen Grausamkeit einer zahlenmäßig überlegenen Mehrheit spüren.

Aus “Okaasan – meine unbekannte Mutter“ von Milena Michiko Flašar

Milena Michiko Flašar hat inzwischen weitere Bücher geschrieben ¬ ich bin gespannt!

Nicht vergessen: #supportyourlocalbookstore !

Loblieder auf weiblichen Ungehorsam

Von Naomi Alderman werden wir sicherlich noch einiges hören in 2018. Morgen, am 12.2. erscheint die deutsche Übersetzung ihres feministischen Sciene Fiction Romans The Power (auf deutsch: Die Gabe), über den ihre Mentorin Margret Atwood sagt: „Electrifying! Shocking! Will knock your socks off! Then you’ll think twice, about everything“. Ende April kommt die Verfilmung ihres Debütromans Disobedience (auf deutsch: Ungehorsam) ins Kino. Letzteren habe ich gerade gelesen. Und zwar extrem gerne.

Jetzt, wo ich ihn weglege, habe ich einiges über jüdisch-orthodoxes Leben gelernt – aus der Perspektive von Frauen und noch spezieller: von Lesben. Ich mochte die Sprache und das intellektuelle Selbstbewusstsein, mit dem religiöse Traditionen hinterfragt wurden, deren Wirkungen auch in andere Welten hineinreichen. Und ich lebte mit den Figuren und wünschte mir einen guten Ausgang aus ihrer schmerzhaften und sich lange zuspitzenden Lage.

Naomi Alderman, Engländerin Jahrgang 1974, wuchs selbst in einem jüdisch-orthodoxem Umfeld auf. Ein Umfeld, in dem Heiraten und Kinderkriegen religiöse Pflichten sind und Homosexualität ein Tabu. In Disobedience (Ungehorsam) erzählt sie vor diesem Hintergrund von zwei Frauen, die eine Liebesgeschichte verbindet. Die eine, Ronit, lebt inzwischen in New York, hat einen guten Job, einen verheirateten Liebhaber, ein paar oberflächliche Freundschaften und eine Therapeutin. Die andere, Esti, ist in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde im Norden Londons geblieben, in der beide aufgewachsen sind. Und hat geheiratet. Der Tod von Ronits Vater bringt beide wieder zusammen. Beide sind nun gezwungen, sich noch einmal mit ihrem lesbischen Begehren und den Reaktionen ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Dies geschieht behutsam und aus verschiedenen Perspektiven. Und nebenbei entsteht ein Gefühl davon, wie diese Welt riecht, schmeckt und tickt, in welchem Rhythmus sie sich bewegt.

Analog zu diesem Rhythmus sind den einzelnen Kapiteln des Buches Zitate aus religiösen Texten vorangestellt, die im Anschluss ausgelegt und diskutiert werden. In orthodoxen Kreisen eigentlich eine den Männern vorbehaltene Aufgabe. Naomi Alderman rebelliert gegen diese Entmündigung und ging dabei so weit, dass sie mit Fertigstellung des Romans aufhörte, sich als religiös zu bezeichnen. “I went into the novel religious and by the end I wasn’t. I wrote myself out of it.”, zitiert The Guardian. Respekt.

Die fundierte Auseinandersetzung mit den Grundfesten des jüdisch-orthodoxen Menschenbilds (von dem wir vieles auch in der christlichen Tradition wiederfinden) regt aber auch unabhängig von Religion zum Nachdenken über die eigene Existenz an. Großes philosophisches Kino, um mal wieder flapsig zu sein.

A Propos Kino. Der Trailer gibt für mich eine ganz andere Stimmung wieder als ich sie lesend erlebt habe. Er wirkt klischeehaft altbacken mit seinen düsteren Farben, den dicht aufeinander folgenden dramatischen Dialogen. Die Sprache des Buches habe ich als viel moderner und bunter empfunden, mit genug Raum für Betrachtung und Sinnlichkeit. Es wäre extrem schade, wenn das im Film verloren ginge und der Inhalt des Romans auf die reine Handlung reduziert würde. Aber einen Versuch wird es wohl trotzdem wert sein, mal wieder ins Kino zu gehen.

Auf Naomi Alderman bin ich übrigens durch die interessante Reihe Women in SciFi auf bingereader.org aufmerksam geworden, wo Miss Booleana „Die Gabe“ vorgestellt hat – danke dafür!

Da Tschu am Internationalen Frauentag

Gesten war der internationale Frauentag. Heute sitze ich wieder in einer technischen Besprechung als einzige Frau unter Männern. Wir sind in Deutschland, im Jahr 2017. ( Erspart es mir, an dieser Stelle beweisen zu müssen dass ich auch um andere Formen von Behinderung, Gewalt und Unterdrückung weiß.)

Anfang der 1980er Jahre begegnete mir zum ersten Mal I Ging,  das Buch der Wandlungen. Ich war Teenager und wollte wissen, wann und wie mir die Welt endlich wirklich gehören würde. Warf das Orakel und bekam das Zeichen Nr 26, Da Tschu, Der Großen Zähmungskraft, das mich zu Beharrlichkeit verdonnern wollte. Das war das Ende meiner Freundschaft mit dem Buch.

Gestern fand ich eine Ausgabe davon, und heute schlage ich sie blind auf, und lande wo? Genau.

Fördernd ist Beharrlichkeit. Bingo! Aus meiner Ungeduld ist über die Jahre ganz von selbst Beharrlichkeit geworden. Einfach weil ich mich allem Zeitgeist und allen Rückschritten zum Trotz nicht habe verrücken lassen. Bin über all das nicht verrückt geworden, sondern fühle mich mehr denn je im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Wichtiger noch: meiner schöpferischen Kräfte. Und bin damit auch nicht allein. Das durfte ich gestern erleben, durch die vielfältigen Begegnungen und Aktivitäten am internationalen Frauentag. Wir sind viele, befinden uns auf der Erde und schreiben das Jahr 2017.

Weder der Blick zurück noch der Blick nach vorn sollen mir mehr den Blick auf das verstellen, was am wichtigsten ist: ich lebe! Hier und jetzt ist gleichzeitig alles was war und (die Basis für) alles was sein würd. Die Kraft, die darin steckt, wird immer mehr – sie kann gar nicht anders!

Das spricht für mich heute aus dem Zeichen des I Ging ( ich übersetz das jetzt mal schnell neu):

Der Großen Zähmungskraft. Fördernd ist

Beharrlichkeit.

Nicht zu Hause bleiben!

Fördernd ist es, mutig zu sein.

Zum Festhalten und Ansammeln von großen, schöpferischen Kräften, wie es in dem Zeichen dargestellt ist, bedarf es eines lebenden Wesens, das von einem klaren Willen gestützt und geschützt, genährt und geehrt wird. Das Zeichen Kien deutet auf starke Schöpferkraft, das Zeichen Gen auf Festigkeit und Wahrheit, beide deuten auf Licht und Klarheit und auf tägliche Erneuerung des Charakters. Nur durch eine solche tägliche Selbsterneuerung bleibt Frau auf der Höhe der Kraft. Um durch diese das Geschenk des Lebens und der weiblichen Freiheit zu ehren ist es günstig, nicht zu Hause zu bleiben, sondern in der 0ffentlichkeit für ein besseres Leben einzustehen. Frau ist im Einklang mit dem Himmel; darum gelingen auch schwere, gefahrvolle Unternehmungen.

DAS BILD

Der Himmel inmitten des Berges:

das Bild von der Großen Zähmungskraft.

So lernt die Edle viele Worte der Vorzeit

und Taten der Vergangenheit kennen,

um dadurch ihren Charakter zu festigen.

Der Himmel inmitten des Berges deutet auf verborgene Schätze. So liegt in den Worten und Taten der Vergangenheit ein Schatz verborgen, der zur Festigung des eigenen Charakters dienen kann, solange das Historische durch Anwendung immer wieder gegenwärtig wird.

*

Oben eine Neun bedeutet:

Frau erlangt den Himmelsweg. Gelingen.


(Nach dem Text von Richard Wilhelm auf http://gutenberg.spiegel.de/buch/i-ging-1325/27)