Ein Leben auf Seiten der Frauen in Ägypten – Nawal El Saadawi

Ihr Mut, ihre Kompromisslosigkeit, ihre Beharrlichkeit machten sie seit den 1960er Jahren zu einer der unbequemsten und bekanntesten Feministinnen der arabischen Welt. Sie war im Gefängnis, auf dem Tahrirplatz, im Exil in den USA und kurze Zeit auch einmal Präsidentschaftskandidatin. Gestern, am 21.3.21, ist die 1931 geborene ägyptische Frauenrechtlerin, Ärztin, Psychiaterin und Autorin Nawal El Saadawi gestorben.

Eins der eindrucksvollsten feministischen Bücher, die ich jemals gelesen habe, ist ihre Erzählung „Ich spucke auf euch. Bericht einer Frau am Punkt Null“. Darin erzählt eine zum Tod verurteilte Frau ihrer Anwältin, weshalb sie es ablehnt, den Präsidenten um Begnadigung zu bitten. Denn der Mord an ihrem Zuhälter, für den sie hingerichtet werden soll, war der einzig mögliche Befreiungsschlag nach einem von sexualisierter Gewalt geprägten Leben. Eine schonungslos erzählte Geschichte, an deren Anfang ein kleines Mädchen von älteren weiblichen Verwandten genitalverstümmelt wird und an deren Ende die Leserin versteht, was für ein Akt der Würde es ist, sich zu wehren und niemanden dafür um Verzeihung zu bitten.

Nawal El Saadawi hat die Welt besser gemacht. Ihre Worte haben Generationen von Frauen in verschiedenen Teilen der Welt vieles klarer und manches mit anderen Augen sehen lassen. Sie hat viel bewegt und für die, die nach ihr kommen, Möglichkeiten geschaffen. Möge ihr Geist fruchtbar bleiben – und ihr Körper in Frieden ruhen.

Wenn ihr mehr wissen wollt:

Es gibt eine arte-Doku mit dem Titel „Die Löwin vom Nil“ über sie, die ich allerdings noch nicht gesehen habe: https://youtu.be/-43jG8x9qoI

Ein Interview mit Channel 4 (UK), in dem sie ausführlich zu Wort kommt, findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=djMfFU7DIB8

Ihre Bücher sind auf deutsch derzeit leider nur antiquarisch erhältlich.

Medienkrake

Der letzten Wochenendausgabe der Süddeutschen lag ein Heft bei, das nur bei ganz genauem Hinsehen als Werbebeilage zu erkennen war. Der Titel: „Aufbruch. Mensch und Gesellschaft im digitalen Wandel“. Herausgeber ist (nicht die Süddeutsche, sondern:) Google. Was für Pläne verfolgt Google in der Medienlandschaft – und was bedeutet das für Information und Gesellschaft?

Mehrere hundert Millionen (!) Euro hat Google allein in Europa in den vergangenen Jahren in Kooperationen mit Medienhäusern oder – unauffälliger, aber sicher nicht weniger eigennützig – in Fortbildungs- und Unterstützungsangebote investiert.

Zusammen mit dem DGB und dem Otto-Brenner-Institut haben die Netzjournalisten Ingo Dachwitz und Alexander Fanta im Oktober 2020 eine Studie darüber veröffentlicht, wie „der Datenkonzern den Journalismus umgarnt“ (zum Download unter https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AH103_Google.pdf). In zahlreichen Interviews mit zum Teil lieber anonym bleibenden Journalist*innen haben sie versucht, sich ein Bild darüber zu verschaffen, was genau Google da treibt und wo die Gefahren liegen könnten.

Das Fazit ist wenig überraschend. Digitale Medien sind technologisch sowieso schon extrem abhängig von Google, müssen es der Suchmaschine von Google recht machen, damit ihre Inhalte überhaupt gefunden werden, brauchen youtube, um ihre Videos zu vermarkten, nutzen Googles Statistiken und Trendanalysen für redaktionelle und strategische Entscheidungen, Googles Big Data zur (datenjournalistischen) Recherche, etc…. Dazu kommt nun, dass die Medienhäuser, die unter massivem Innovationsdruck stehen, sich von Google auch noch beraten und ausbilden lassen.

Mitmachen tuen notgedrungen die meisten. Google richtet inzwischen die größten Branchentreffen (mit) aus und hat Technologien im Portfolio, an denen schon heute im Journalismus kaum einer vorbeikommt. Vielleicht mag als Indiz gelten, wer sich in der Werbebeilage der Süddeutschen als Vorreiter in Sachen Digitalisierung des Journalismus von Google vorführen lässt: Deutschlandradio, Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), funk (das Jugendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen), Social Media Manager eines CDU-Abgeordneten, der Beauftragte des Bundeswirtschaftsministeriums für Startups (CDU), kleinere Zeitungen, die sich im „HHLab“ zusammengetan haben, Gruner +Jahr, eine Zeit-Redakteurin und Podcasterin, sogar der Postillon und die Krautreporter. In der erwähnten Studie werden weitere genannt, wie die FAZ und der Spiegel.

Die Autoren nennen Google den wohl größten Journalismus-Mäzen der Welt. Einen Mäzen, der offensichtlich diejenigen stärker fördert, die eh schon groß sind. Der großzügig und ohne sich stark einzumischen die Entwicklung von neuen Ideen fördert, sich dabei aber vorbehält, diese später zu kopieren und für eigene Ziele zu verwenden. Ideen-Vampirismus würde ich das nennen.

Die enge und einseitige Verflechtung mit dem Konzern, so legt die Studie überzeugend dar, gefährdet nicht nur die Unabhängigkeit einzelner Medien, sondern die Pluralität der Medienlandschaft überhaupt.

Google wird gleichzeitig zur am meisten genutzten Quelle und zur am meisten genutzten Plattform zur Verbreitung von Informationen. Google zahlt im Allgemeinen nichts für die wertvollen Beiträge, die Journalist*innen der Datenkrake mundgerecht zu servieren lernen. Im Gegenteil: den Gewinn, der sich durch die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen in Form von Werbeeinnahmen generieren lässt, streicht Google fast alleine ein. Über den Wert, der im Zugriff auf die riesige Menge der so angehäuften Informationen liegt, kann ich nur spekulieren. Ich vermute, allein im Hinblick auf den Ausbau selbstlernender Systeme ist er immens. Und die bislang stärkste Lobby für eine gesetzliche Regulierung der Geschäftspraktiken des „Duopols“ von Google und Facebook – nämlich die Verlagsbranche – wird durch Geschenke gefügig gemacht. Vor den Augen der Öffentlichkeit.

Ich denke, dass Monopole im Bereich von Medien und Information (der „vierten Gewalt“) potentiell die Demokratie gefährden und deshalb nicht entstehen sollten. Daher halte nicht nur ich zwei Dinge für wichtig:

1 – die unabhängige Finanzierung von Alternativen, auf gesellschaftlicher Ebene durch Stärkung der Öffentlich-Rechtlichen und auf privater Ebene durch die Bereitschaft, für gute Inhalte auch zu bezahlen

2 – sinnvolle netzpolitische Regulierungen.

Das Thema ist extrem umfangreich – und ich wäre froh, wenn ich euch neugierig drauf gemacht hätte, mehr drüber rauszufinden. Ein guter Ausgangspunkt ist z.B. https://netzpolitik.org/?s=+Google . Und falls ihr suchmaschinenmäßig mal was anderes ausprobieren wollt, könntet ihr euch dies hier anschauen: https://metager.de/ .

Wie immer freue ich mich über Ergänzungen und Kommentare!

Zettelwirtschaft

Im Englischen gibt es die Warnung: „Don’t bite the hand that feeds you!“. Ich bin mit ihr aufgewachsen, auch wenn ich jetzt im deutschen Sprachraum lebe. Sie beschreibt ganz gut das Dilemma einer eingesperrten Primatin. Ich hatte jedenfalls immer den Blick einer traurigen Gorillafrau im Londoner Zoo vor Augen, wenn ich diesen Spruch hörte.

Aber ich will von mir reden. Ich bin ein Blatt Papier, und ich habe nur ein Leben. Solange ich denken kann, beschäftigt mich die Frage: Was soll auf diesem Blatt geschrieben stehen?

„Hilfe, ich bin ein Blatt und ich habe nur ein Leben!“? Nein, soviel ist klar.

„Heb mich auf, ich bin berühmt!“? Nur eine Variante der ersten Idee. Also nein.

„AaBb“ usw.? Okay, schreiben lernen ist wichtig. Schönschrift schon weniger. Aber sollte ich nicht für Größeres geschöpft worden sein?

„Ich liebe dich!“. Immerhin würde ich auf diese Art zumindest einen Menschen glücklich machen. Hoffentlich. Es sind auch andere Wirkungen denkbar.

„Hände hoch – dies ist ein Überfall! Schließen Sie einfach den Tresor auf und legen Sie alles Geld in diese Tasche. Wir geben Ihnen auch was ab – denn wir sind die Guten!“. Haben wir nicht alle einmal Robin Hood und Co. bewundert und wollten die Ungerechtigkeiten dieser Welt bekämpfen? Das führt zur Frage, ob es mir egal ist, wer mich am Ende beschreibt. Ist es natürlich nicht!

Nicht beschrieben werden will ich zum Beispiel von Leuten, die glauben, nur sie hätten Besseres verdient.

Die Vorstellung, eines Tages von einem solchen Menschen missbraucht zu werden, besudelt mit von rasender Hand in mich gedrückten Großbuchstaben, erzeugte meine frühesten Albträume. Sie kamen immer in schwarz-weiß: ich weiß, die Tinte schwarz.

Vor kurzem aber wurden meine Albträume bunt. In ihnen bin ich ein kleines Zettelchen mit einem Klebstreifen auf dem Rücken. Wir kleben zu dutzenden aufeinander und um uns herum stehen lauter Leute, die sich etwas ausdenken sollen.

„Hey, ihr habt 10 Minuten Zeit, eure besten Ideen aufs Papier zu bringen!“, tönt es gutgelaunt aus Moderatorenmund. Ich rieche Achselschweiß, nicht jede*r hat es bis hierhin geschafft, alle wollen es gut machen. Auch ich bin vor Aufregung ganz grün!

Ein Zettelchen nach dem anderen wird abgerissen und mit Gedankenrohkost bekritzelt, möglichst schnell, möglichst viel, sortiert, ausgewählt und „verfeinert“ wird später. Nachgedacht wenn’s dumm läuft gar nicht. Die Frage, die die Leute beantworten sollen, lautet: „Wie können wir in 4 Wochen unsere Umsätze verdoppeln?“

Die meisten Wörter, die auf uns landen, kenne ich aus den Medien, vor allem den „sozialen“, und aus meiner Muttersprache.

Da greift eine etwas faltige Hand nach mir und schreibt zögerlich und zittrig: „vermutlich nur durch Zahlentricks….“. Au weia. Ich schäme mich mit ihr und werde ganz pink, denn wir wissen beide, das wir dafür im besten Fall ignoriert werden. Mein letztes Stündlein hat geschlagen, ich werde von ihr selbst zerknüllt und in den bereitstehenden Papierkorb geschmissen. Es heißt, von hier aus geht es direkt in den Reißwolf oder ins Krematorium.

In einer anderen Variante des Albtraums lebe ich etwas länger, weil jemand „Die Menschen draußen fragen, was sie von uns wollen?“ auf mich draufgeschrieben hat. Einen Moment später finde ich mich an einer Wand wieder. Schon kommt der Besitzer der Moderatorenstimme und „gruppiert mich um“. Ich hänge jetzt neben einer Leidensgenossin, auf der steht: „Barrierefreie Angebote umsetzen“. Wir verdrehen beide die Augen und rollen uns ein wenig zusammen, weil wir wissen, was jetzt kommt. Es gibt ein „Voting“, die Menschen kleben Punkte auf diejenigen von uns, die sie für lebenswert halten. Meine Nachbarin und ich bekommen keinen einzigen. Damit sind auch wir gestorben.

Eine Gruppe von Überlebenden winkt zum Abschied. Auf ihnen steht: „Show happy people, don’t talk about problems!“, „Weniger Text, mehr Emotion!“. Auf einem ist ein euphorisches Smiley, sonst nichts.

Auf dem Flug in den Papierkorb wachsen mir Flügel. Ich werde zu einem wunderschönen Papierflieger und bin stolz auf meine Aufschrift „bite the hand that feeds“.

Nach diesem Traum wachte ich auf und spürte, jetzt war es soweit. Ich hörte das Klicken eines Kugelschreibers, fühlte das Gewicht einer Hand auf mir und die zögernde Suche nach dem richtigen Anfangspunkt auf meiner Haut. Ganz oben am Rand? Oder weiter in der Mitte? Oben! Da hatte jemand vor, mehr als eine kurze Notiz zu hinterlassen, stellte ich euphorisch fest und gab mich hin. Ich machte mich ganz groß und weit, bereit, mit einem ganzen Roman beschrieben zu werden! Ich wollte es – so sehr! Das erste Wort stand. Ein zweites kam hinzu. Dann noch eins und noch eins, immer mehr Buchstaben, mit einer fast schmerzenden Entschlossenheit drückten sie sich in mich hinein, eng aneinandergereiht und nahmen mir den Atem. Gut so! Fast wollte ich schreien, als der Kuli ins Stocken geriet und kurz darauf mit wilden Bewegungen ein ganzes Wort unter einem Hagel von Strichen verschwinden ließ. Und dennoch waren auch seine Buchstaben tief in mich eingegraben, freute ich mich klammheimlich. Ich würde sie bewahren solange ich lebte. Sie waren es, die ich mir als erste genauer ansah. Ich kannte das Wort. Es ist aus der Zeit gefallen, aber dennoch aktuell. Ich wusste auch, warum es nicht stehenbleiben konnte.

Und da wurde mir klar, ich würde nicht umsonst gelebt haben. Der Druck des Kulis wurde nun weicher, tastender, noch mehr Worte, am Ende mehr durchgestrichene als nackte, und so wurde ich voll, sogar von beiden Seiten. Ich landete nicht im Papierkorb, sondern auf einem Stapel mit anderen Papieren, die ganz ähnlich aussehen. Manche von ihnen liegen bereits seit mehreren Wochen hier.

Nun ist es also entschieden. Ein zweites Leben gibt es nicht für mich. Aber dieses ist noch nicht vorbei.

PPS: Musik zum Text (Skeleton Crew)

Mehr Feminismus!

Heute war ein schöner Tag. So viele Menschen auf der Kundgebung zum internationalen Frauentag! Die meisten junge Feminist*innen, schätzungsweise unter 30. Frischer Wind, so viele mutige und kreative Beiträge, auch wütende, auch selbstbewusste. Ich freue mich.

Inhalte? Gewalt gegen Frauen – leider immer noch Alltag – benennen, stoppen, bekämpfen, anprangern – international wie auch hier. Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper – Abschaffung des § 218, endlich, komplett. Mehr Frauen in Führungspositionen? Nicht auf Kosten anderer! Insbesondere nicht, solange der Lebensstandard der einen auf unterbezahlter, meist migrantischer Frauenarbeit beruht (in der Pflege, zb „24-Stunden-Kräfte“, beim Putzen, der Kinderbetreuung, uvm,…). Überhaupt Pflege: Zeit für eine Care Revolution!

Forderungen, für die sich schon Generationen vor uns eingesetzt haben – ohne die wir nicht da wären, wo wir heute sind. Und dennoch bleibt so viel zu tun. Gut, dass immer welche nachkommen und dass wir so viele sind!